„Frau Krause“ ist in Leipzig bekannter als „Karl Krause“ – das könnte sich bald ändern

Eine nachhaltige Zukunft für die ehemalige Karl-Krause-Fabrik in Anger-Crottendorf

Die „Frau Krause“ ist eine beliebte Kneipe – nein: eine gastronomische Institution! – in Leipzig-Connewitz, weit weit weg von Anger-Crottendorf. Etwa 15 Taxi-Euro entfernt, denn ohne Taxi schafft man es aus der „Frau Krause“ nur in den günstigsten Fällen zurück in den Osten. Der 70er Bus fährt nur bis kurz nach 23 Uhr, und nach einem Besuch bei „Frau Krause“ noch Fahrrad zu fahren, ist eine große Herausforderung.

Zu den großen Herausforderungen in Anger-Crottendorf selbst gehört die künftige Nutzung der ehemaligen Karl-Krause-Fabrik in der Th.-Neubauer-Straße. Dabei geht es nicht um den Gatten der Connewitzer Gastronomin, sondern einen Druckmaschinenfabrikanten der vorletzten Jahrhundertwende und seine heute denkmalgeschützte Industriekathedrale.

Gemeinsam mit deren Eigentümer, der Stadtverwaltung, dem Eigentümer der Karl-Krause-Villa, Institutionen, Vereinen und Initiativen im Stadtteil müsste ein Konzept für eine Mischnutzung des Objekts entwickelt werden. Zurzeit ist dort vom Eigentümer der Bau von 100 Wohnungen geplant. Ein Mischnutzung aber könnte den Stadtteil insgesamt sozial, ökologisch, wirtschaftlich und kulturell aufwerten ohne einer Gentrifizierung Vorschub zu leisten.

Anger-Crottendorf erfreut sich zunehmender Beliebtheit als Wohnquartier für Familien mit Kindern. Es ist verkehrsgünstig gelegen, relativ zentrumsnah und verfügt mit dem Kleingartenpark Südost und dem angrenzenden Stünzer Park über attraktive Erholungsgebiete. Die kulturelle und gastronomische Infrastruktur des Stadtteils ist unbefriedigend, innovative wirtschaftliche Aktivitäten sind kaum spürbar und es gibt nur wenige soziale Räume. Gleichzeitig „erwacht“ der Stadtteil und studentische Clubs und Bioläden entstehen – die erste Phase der Gentrifizierung.

Genau zwischen dem „besiedelteren“ und dem „grüneren“ Teil Anger-Crottendorfs liegt das ehemalige Fabrikgelände als Brachfläche. Hinter dem Hauptgebäude, auf dem ehemaligen Betriebsgelände ist mittlerweile ein Wald (nach Bundeswaldgesetz) entstanden, der weder forstwirtschaftlich genutzt wird, noch der Öffentlichkeit als Erholungsraum zur Verfügung steht. Seine Zukunft wird das Areal aber auch kaum als Refugium für Tiere und Pflanzen verbringen, sondern als Hinterland eines Spekulationsobjekts und damit einer Großbaustelle. Diese Situation ist unbefriedigend. Hier liegt liegt in den drei Nachhaltigkeitsdimensionen großes Potenzial brach:

Ökologisch:

Urban-Gardening-Projekte: Sie könnten einen Teil des Areals dauerhaft nutzen.
Schulen/Horte/Kindergärten: Ein Teil des Geländes könnte als Schulgarten genutzt werden.
Die Initiative Parkbogen-Ost: Das Gelände könnte Ausgangspunkt des Parkbogen-Ost sein. Hier könnte eine Fahrradstation entstehen.
Kleingartenpark Süd-Ost: Die Vereine, die zum Kleingartenpark Südost gehören, sollten in die Planung und Nutzung eingebunden werden. Etwa zur Vorzucht von Pflanzen im Spätwinter könnten Räume bereit gestellt werden.
Alle Bürgerinnen und Bürger: Der nunmehr entstandene Wald sollte der Öffentlichkeit als Erholungsraum zur Verfügung gestellt und entsprechend gestaltet werden.

Ökonomisch:

Wohnungssuchende: Ein Teil des Gebäudes könnte natürlich, wie vom Eigentümer geplant, Wohnraum werden. Dies würde – als sozialer Aspekt – gleichzeitig den Druck auf die Mieten im Stadtteil verringern als auch die Kaufkraft im Stadtteil erhöhen.
Anwohner: Aufgrund der schlechten Parkplatzsituation im Stadtteil könnten in einem Teil des Objekts ein Parkhaus und eine Car-Sharing-Station entstehen.
Gewerbetreibende: Ein Teil des Gebäudes könnte für Gewerbe und Gastronomie zur Verfügung stehen.

Sozial und kulturell:

Vereine und Initiativen: Ein Teil des Gebäudes könnte Vereinen und Initiativen zur Verfügung gestellt werden.
Kulturschaffende könnten Räume nutzen.
Flüchtlinge: Ein Teil des Gebäudes könnte als Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung stehen.
Religiösen Gemeinschaften könnten, bei Bedarf, Räume zur Verfügung gestellt werden.
Alle Bürgerinnen und Bürger: Hier könnte ein sozialer Treffpunkt im Stadtteil entstehen.

Unabhängig von den Plänen des Eigentümers sollte eine BürgerInnenbefragung im Stadtteil erfolgen, um Wünsche und Ideen seitens der Bevölkerung zu sammeln. Möglichkeiten müssen mit der Stadtverwaltung ausgelotet werden. Als Partner und Unterstützer unserer Initiative soll das Quartiersmanagement Ost gewonnen werden. Des weiteren wird die Zusammenarbeit mit Vereinen, Verbänden, der Agenda 21 für unentbehrlich gehalten. Und selbstverständlich wären auch der Stadtbezirksbeirat und die in ihm vertretenen Parteien sowie der Stadtrat einzubeziehen.

Parallel zu Hintergrundgesprächen und Befragungen sollen BürgerInnen-Foren veranstaltet werden, um über Chancen, Möglichkeiten und Schwierigkeiten direkt zu beraten. Bei den oben genannten Zielgruppen muss Bedarf an einer Nutzung erfragt werden.

Die Alternative ist der Status Quo bzw. eine Nutzung des Areals durch den Eigentümer ohne die Einbindung der Bürgerschaft bzw. der oben genannten potenziellen Zielgruppen. Die Stadt Leipzig ist, wie erste Gespräche ergeben haben, in hohem Maße interessiert daran, dass Ideen und Konzepte aus der Bürgerschaft heraus entwickelt werden. Dies nicht zu tun, wäre eine verschenkte Chance.

Aber nicht nur um Tun geht es, auch um Austausch und Visionen im Stadtteil: „Man glaubt gar nicht, wie schwer es oft ist, eine Tat in einen Gedanken umzusetzen“ – dieses Zitat stammt zugegeben nicht von Karl Krause, aber immerhin von Karl Kraus, dem scharfzüngigen österreichischen Zeitgenossen des Leipziger Kapitalisten. Vielleicht kann ja ein Teil der Karl-Krause-Fabrik künftig Kultur- und Denk-Fabrik im Sinne von Karl Kraus werden? Und dies hoffentlich nicht erst in den „letzten Tagen der Menschheit“!

Jens-Eberhard Jahn

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