Planwirtschaft in Anger-Crottendorf?

„Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht; dann machste noch nen zweiten Plan – gehn tun sie beide nicht…“ singen sie in Brecht/Weills Dreigroschenoper im Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens. Ein Hauch von Soho in Anger-Crottendorf? London in Leipzig?

In einem Stadtplan von Leipzig, den ich kürzlich für ungefähr drei Groschen erstand – „neu“ stand drauf – sind die im Crottendorfer B-Plan von 1994 ausgewiesenen Straßen mit Namen verzeichnet. Spannend fand ich das, und zugegebenermaßen waren sie farblich unterlegt als „B-Plan-Straßen“. Denn diese Straßen existieren ja nicht. Nur im Stadtplan. Und im B-Plan. „B-Plan hin oder her: So wie das Gelände heute aussieht, würde dort keine Baugenehmigung erteilt werden,“ hieß es kürzlich aus dem Rathaus. In der Tat sprechen die heutigen Planungsziele der Stadt bezüglich Stadtklima, Stadtgrün und konkret: Parkbogen Ost, eher gegen eine Bebauung des Waldes auf dem Gelände hinter der früheren Karl-Krause-Fabrik.

Es können nicht alle Pläne aufgehen. Alle Türen auch nicht: Die neuen InvestorInnen, die die alte Fabrik sanieren wollen und dort den Bau von 100 Wohnungen planen, haben alle (mehr oder minder barrierefreien) Zugänge vermauert. In den letzten offenen Zugang haben sie nun eine Eisentür eingebaut. Abschließbar. Immer öfter kommen sie ja in letzter Zeit mit InteressentInnen vorbei, die sich wohl ihre zukünftige Wohnung mal im Rohzustand anschauen wollen. Nur diese sollten offenbar noch Zutritt zum Gebäude erhalten. Wohl sehr zum Ärger derer, die dort seit langem gern ein- und ausgehen: Denn die alte Fabrik in Anger-Crottendorf ist für viele LeipzigerInnen aus dem ganzen Stadtgebiet, die an alter Industriearchitektur, am Sprayen, Fotografieren, Klettern und anderen Abenteuern interessiert sind, überaus beliebtes Ausflugsziel, geradezu eine Bühne der Schaulust! Und vielleicht weil eine andere Leipziger Bühne, das Schauspielhaus, seinen Spielplan für 2015/16 unter das Motto „warum dürfen die und wir nicht?“ gestellt hat, werden sich die Fans der alten Fabrik auch gedacht haben: Eine Tür? Und „die“ dürfen rein und „wir“ nicht?

Denn kaum war die Tür da, war deren Klinke deformiert und das Schlüsselloch zugespachtelt. Aber gleich daneben ist eine Leiter, improvisiert aus einem alten Fenster, die Zugang zum ersten Stock gewährt. Eine sportliche Herausforderung nicht nur für künftige KäuferInnen von Eigentumswohnungen. Vielleicht sogar ein Vorgeschmack auf den im Masterplan für den Parkbogen Ost an dieser Stelle vorgesehenen Kletterwald. Der Plan mit der Tür geht also auch nicht auf – weder für die, die sie eingebaut, noch für die, die sie ramponiert haben.

Stadtpläne, Bebauungspläne, Spielpläne, Masterpläne… kein Wunder, dass eine der geplanten Straßen „Weidenbachplan“ heißen soll (http://www.strassen-in-deutschland.de/238162145-weidenbachplan-in-leipzig.html), und das weiß natürlich auch mein neuer Stadtplan. „Weidenbach“ ist in diesem Zusammenhang kein Gewässername: Georg Weidenbach war Planer, Architekt. Er soll auch die unlängst sanierte Karl-Krause-Villa geplant und entworfen haben, sagen InsiderInnen. Wikipedia weiß, dass er unter anderem an der Russischen Gedächtniskirche, am Messehaus Handelshof und an der Reformierten Kirche in Leipzig federführend plante und wirkte.  Aber Wikipedia weiß noch mehr: „Die Stadt Leipzig ehrte ihn am 19. November 1998 mit der Benennung einer neu entstehenden Straße im Bebauungsgebiet Crottendorfer Plan im Stadtteil Anger-Crottendorf in Weidenbachplan, diese Straße wurde aber bis heute nicht gebaut.“ Was nun – „entstehen“ Straßen oder werden sie gebaut? Zumindest geplant?

Und da dachten manche wohl schon, die Planwirtschaft sei Geschichte…

 

 

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